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Marathon-Trainingsplan für die letzten Wochen: Was die Peak-Phase wirklich entscheidet

Alexander Leistenschneider

Alexander Leistenschneider

Coach

Marathon-Trainingsplan für die letzten Wochen: Was die Peak-Phase wirklich entscheidet

78.912 Zieleinläufe. So viele hat eine aktuelle Auswertung des Boston-Marathons untersucht — und dabei einen Unterschied von fast einer Stunde gefunden, je nachdem, wie jemand die letzten Kilometer gelaufen ist. Eine faszinierende Zahl. Aber bevor wir über den Renntag reden, muss über die Wochen davor geredet werden. Denn während die meisten Marathon-Ratgeber sich auf den einen Tag im Herbst konzentrieren, entscheidet sich der Erfolg tatsächlich in den 5 bis 6 Wochen davor — der Phase mit dem höchsten Trainingsvolumen der gesamten Vorbereitung und, wenig überraschend, dem höchsten Verletzungsrisiko.

Dieser Artikel ist der Versuch, diese Phase einmal vollständig und ohne Dogma durchzugehen: Wie du sie trainingswissenschaftlich einordnest, welche Verletzungen jetzt am häufigsten auftreten, warum weniger Training kurz vor dem Start mehr bringt, und wie du am Renntag selbst die häufigste Fehlentscheidung vermeidest.

Die Peak-Phase: höchstes Volumen, höchstes Risiko

Marathonvorbereitung folgt klassischerweise einer Struktur aus Grundlagenaufbau, wettkampfspezifischer Phase und Taper. Die wettkampfspezifische Phase — die letzten 5 bis 6 Wochen vor einem Herbstmarathon — ist typischerweise die mit dem höchsten Wochenvolumen der gesamten Vorbereitung, inklusive des längsten Laufs, meist rund drei Wochen vor dem Start.

Genau das macht sie riskant. Ein systematischer Review zu Laufverletzungen fand: Eine hohe wöchentliche Trainingsdistanz gehört zu den am robustesten belegten Risikofaktoren, die Gesamtinzidenz von Laufverletzungen bei Langstreckenläufer:innen liegt je nach Studie zwischen 19,4 und 79,3 Prozent. Wer diese Phase gut steuert, hat oft schon die halbe Arbeit gemacht — unabhängig davon, wie viele Kilometer am Ende auf der Uhr stehen. Wie sich Trainingsdosis und -zonen grundsätzlich einordnen lassen, haben wir bereits an anderer Stelle ausführlich behandelt; hier geht es um die wettkampfspezifische Endphase.

Läuferknie und Schienbeinkantensyndrom: erkennen statt ignorieren

Die zwei häufigsten Überlastungsverletzungen dieser Phase sind das Läuferknie (Iliotibialbandsyndrom, ITBS) und das Schienbeinkantensyndrom (Medial Tibial Stress Syndrome, MTSS). Beide sind gut erforscht, beide meist gut beeinflussbar — kein Grund zur Panik, aber ein guter Grund für aufmerksames Körpergefühl.

Beim Läuferknie ist eine schwache Hüftmuskulatur der am besten belegte, veränderbare Risikofaktor. In einer vielzitierten Studie waren nach nur sechs Wochen gezieltem Hüftkräftigungsprogramm 22 von 24 betroffenen Läufer:innen beschwerdefrei oder deutlich gebessert. Beim Schienbeinkantensyndrom zählen weibliches Geschlecht, höheres Körpergewicht, ein erhöhter Navicular Drop (ein Hinweis auf stärkere Fußpronation) und eine frühere Laufverletzung zu den robustesten Risikofaktoren.

Die verbreitete Zehn-Prozent-Regel — nie mehr als zehn Prozent Wochendistanz-Steigerung — hält einer genauen Prüfung nur teilweise stand. Eine prospektive Kohortenstudie fand keinen klaren Schwellenwert genau bei zehn Prozent; das Risiko steigt eher graduell. Relevanter scheint etwas anderes zu sein: ein einzelner Lauf, der mehr als zehn Prozent länger ist als der bisher längste der vergangenen 30 Tage. Nicht die Wochensumme ist demnach das größte Risiko, sondern der einzelne Ausreißer-Lauf.

Die praktische Faustregel bleibt simpel: Nimmt ein Schmerz während des Laufens zu oder bleibt er danach bestehen, ist das ein Signal zur Reduktion — kein Anlass zum Durchbeißen, aber auch kein Grund für Selbstdiagnose per Internetrecherche. Anhaltende Beschwerden gehören in professionelle Abklärung.

Tapering: warum weniger Training mehr Leistung bringt

Wer kurz vor dem Wettkampf das Training reduziert, hat oft das Gefühl, Form zu verlieren. Die Studienlage zeigt das Gegenteil. Eine Metaanalyse aus 27 Studien fand: Am wirksamsten ist ein rund zweiwöchiger, exponentieller Taper, bei dem das Trainingsvolumen um 41 bis 60 Prozent sinkt, während Intensität und Frequenz weitgehend erhalten bleiben. Reine Pausen ohne beibehaltene Intensität wirkten deutlich schwächer.

Beim Marathon strecken die meisten Trainingspläne dieses Fenster praxisüblich auf 2 bis 3 Wochen, weil die Gesamtumfänge und die muskuläre Ermüdung höher sind als bei kürzeren Distanzen. Der Effekt lohnt sich: Im Mittel bringt Tapering rund 3 Prozent mehr Leistung am Wettkampftag, bedingt durch mehr Blutvolumen, besser gefüllte Glykogenspeicher und ein günstigeres Hormonverhältnis.

Interessant ist die psychologische Seite dieses Prozesses. Ein Scoping Review über 48 Studien zur „Taper-Angst" fand: Tapering verbessert in den meisten Untersuchungen tatsächlich die Stimmung. Für manche Athlet:innen wird die Trainingsreduktion selbst aber zum Stressor, besonders bei hoher Trainingsbindung — das ist dann meist die Lücke zwischen Gewohnheit und tatsächlichem Bedarf, nicht ein Zeichen von echtem Formverlust. Wer die frei gewordene Zeit bewusst in Verpflegungsplan, Ausrüstungscheck und Anreise-Logistik investiert, kommt erfahrungsgemäß deutlich ruhiger durch diese Wochen.

Krafttraining: der Hebel, der zuerst gestrichen wird

Ausgerechnet in der Phase mit dem höchsten Trainingsvolumen verschwindet Krafttraining bei vielen als Erstes aus dem Plan — aus Sorge, dadurch langsamer zu werden. Ein systematischer Review von Studien mit Mittel- und Langstreckenläufer:innen fand: Ergänzendes Krafttraining verbessert konsistent die Laufökonomie, ohne die Ausdauerleistung zu beeinträchtigen. Zweimal pro Woche gilt als evidenzgestützte Basis, mit Fokus auf Kniebeuge-Varianten, einbeinige Übungen und Hüftabduktoren-Kräftigung — passenderweise dieselben Übungen, die auch vor Läuferknie schützen. Wie sich Kraft- und Ausdauertraining grundsätzlich sinnvoll kombinieren lassen, haben wir in einem eigenen Artikel vertieft.

Carb-Loading ohne Mythos

Die klassische Vorstellung von Carb-Loading — drei Tage kohlenhydratarme Diät plus erschöpfendes Training, gefolgt von drei Tagen massiver Kohlenhydratzufuhr — stammt aus den 1960er-Jahren und ist seit einer kontrollierten Studie aus dem Jahr 1981 überholt: Die Hungerphase ist für die Superkompensation der Glykogenspeicher schlicht nicht nötig. Heute reicht ein deutlich einfacheres Protokoll: 36 bis 48 Stunden vor dem Start, 10 bis 12 Gramm Kohlenhydrate pro Kilogramm Körpergewicht am Tag, bei gleichzeitiger Trainingsreduktion. Während des Rennens selbst gilt die Faustregel 30 bis 60 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde. Die kurzfristige Gewichtszunahme durch das gespeicherte Glykogen (grob 1 bis 2 Prozent) ist erwünschte Energie, kein Fettzuwachs — und definitiv kein Grund zur Sorge.

Renntag-Strategie: die unterschätzte Kraft der Gleichmäßigkeit

Zurück zur Zahl vom Anfang. Eine Auswertung von 78.912 Zieleinläufen des Boston-Marathons identifizierte vier Pacing-Muster: gleichmäßiges Pacing (47,9 Prozent der Läufer:innen), mildes positives Splitting, starkes positives Splitting und variables Pacing. Even-Pacing war über alle Alters- und Leistungsklassen hinweg konsistent mit den schnellsten Zielzeiten assoziiert — im Schnitt 217 Minuten gegenüber 276 Minuten bei starkem positivem Splitting, ein Unterschied von rund 59 Minuten. Bei variablem Pacing erlebten 85,4 Prozent einen deutlichen Tempoeinbruch im letzten Streckenabschnitt, bei Even-Pacing waren es nur 0,2 Prozent.

Bemerkenswert: Bei Elite-Läufer:innen lag der Anteil an Even-Pacing bei 82 Prozent, bei Freizeitläufer:innen nur bei 19,6 Prozent. Der naheliegende, aber selten belegte Wunsch nach einem heldenhaften Negative Split — die zweite Hälfte schneller als die erste — bleibt für die meisten Freizeitläufer:innen eher Theorie als Praxis. Die simple, unspektakuläre Regel schlägt die Datenlage nach: Zielpace vorab festlegen und in der ersten Streckenhälfte bewusst nicht schneller laufen, selbst wenn es sich mühelos anfühlt.

Für die letzten 48 Stunden gilt entsprechend: Kohlenhydratzufuhr erhöhen, Training auf lockere Bewegung reduzieren, ausreichend Schlaf priorisieren — dazu mehr in unserem Artikel zu Schlaf und Trainingsanpassung — keine neue Ausrüstung mehr testen und Anreise sowie Logistik am Vortag klären, um Stress am Renntag selbst zu minimieren.

Warum ein individueller Plan mehr ist als ein nettes Extra

Ein generischer Trainingsplan aus einer App basiert auf einem Gruppendurchschnitt. Er kennt weder deine Vorverletzungen noch dein Zeitbudget noch deinen Schlaf — genau die Faktoren, die entscheiden, welche Steigerung du tatsächlich verträgst. In der Coaching-Praxis steht deshalb vor jeder Planerstellung ein Eingangs-Check: Trainingshistorie, frühere Verletzungen, aktuelle Lebensumstände. Zwei Athlet:innen mit identischem Wochenumfang-Ziel bekommen auf dieser Basis oft komplett unterschiedliche Pläne — mehr Hüftkräftigung und eine konservativere Longrun-Progression bei ITBS-Vorgeschichte, dafür weniger, aber qualitativ dichtere Einheiten bei knappem Zeitbudget. Wochenumfänge funktionieren dabei besser als Korridor mit klaren Anpassungsregeln denn als starre Prozentzahl.

Fazit

Die 5 bis 6 Wochen vor deinem Marathon sind nicht die Phase, in der noch schnell alles nachgeholt werden muss. Sie sind die Phase, in der die Arbeit der vorangegangenen Monate entweder gesichert oder verspielt wird. Ein aufmerksames Frühwarnsystem für Läuferknie und Schienbeinkantensyndrom, ein sauberer Taper mit erhaltener Intensität, Krafttraining, das nicht als Erstes gestrichen wird, ein realistisches Carb-Loading-Protokoll und am Renntag selbst schlicht: gleichmäßig laufen. Nichts davon ist kompliziert. Das meiste davon ist einfach unbequem, kurz bevor es zählt.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder physiotherapeutische Beratung. Wenn Schmerzen beim Laufen zunehmen oder nach dem Training bestehen bleiben, lass das bitte fachlich abklären.

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