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Training 8 Min. Lesezeit

Zone 2 Training für Hybrid-Athlet:innen: Puls, Talk-Test und die richtige Wochendosis

Alexander

Alexander Leistenschneider

Coach

Zone 2 Training für Hybrid-Athlet:innen: Puls, Talk-Test und die richtige Wochendosis

Es gibt eine kleine Rechnung, die dir in Trainingsplänen, Fitness-Apps und Online-Rechnern immer wieder begegnet. 220 minus Lebensalter ergibt den Maximalpuls. Davon 60 bis 70 Prozent, fertig ist die Zone 2. Die Rechnung ist schnell, sie ist bequem, und sie passt auf einen Bierdeckel.

Sie hat nur einen Haken: Sie rechnet mit einem Durchschnittsmenschen. Und der steht selten an der Startlinie deiner Laufrunde.

Dieser Artikel zeigt, was Zone 2 physiologisch wirklich ist, wie du sie ohne Labor findest, wann du deiner Uhr trauen kannst und wie du Zone 2 so in eine Hybrid-Woche mit Krafttraining legst, dass beides davon profitiert.

Was Zone 2 wirklich ist: die erste Schwelle

Wenn du dein Tempo langsam steigerst, passiert lange wenig. Die Atmung bleibt ruhig, das Laktat im Blut niedrig. Dann kommt ein Punkt, an dem die Atmung merklich tiefer und schneller wird und das Laktat zu steigen beginnt. Das ist die erste Schwelle, je nach Messmethode erste ventilatorische Schwelle (VT1, über die Atmung) oder Laktatschwelle (LT1, über das Blut).

Zone 2 ist die Intensität unterhalb dieser ersten Schwelle. Die Schwelle ist die Obergrenze, nicht ein Prozentwert.

Wie weit Prozentwerte danebenliegen können, zeigt eine Studie von Iannetta und Kollegen (2020) mit Frauen und Männern:

Laktatschwelle: 60–90 %(Lage des Maximalpulses)

Maximales Laktat-Steady-State: 75-97% (Lage des Maximalpulses)

Bei Frauen lagen beide Werte bei höheren Prozentwerten als bei Männern. Das Fazit der Autor:innen: Feste Prozentwerte bilden die Intensitätsbereiche schlecht ab.

Übersetzt: Für die eine Person trifft „60 bis 70 Prozent“ ziemlich gut. Die nächste trainiert damit deutlich lockerer, als sie dürfte. Und bei der dritten liegt die Schwelle so tief, dass 70 Prozent schon darüber sind. Wird der Maximalpuls dann noch aus dem Alter geschätzt statt gemessen, steht die ganze Rechnung auf zwei wackligen Beinen.

Zone 2 finden ohne Labor: der Talk-Test

Ein erstaunlich brauchbares Messgerät für Zone 2 trägst du im Gesicht. Eine Übersichtsarbeit von Reed und Pipe (2014) fasst zusammen: Angenehmes Sprechen ist unterhalb der ventilatorischen beziehungsweise Laktatschwelle möglich. Der Talk-Test ist ein einfaches, gültiges Werkzeug zur Intensitätssteuerung.

Im Coaching lege ich die Zone 2 meiner Athlet:innen in einer einzigen Einheit fest:

1. Locker einlaufen, einrollen oder einrudern, bis du warm bist.

2. Einen festen Sprechtext wählen, zum Beispiel die eigene Adresse, und laut sprechen.

3. Geht das in ganzen Sätzen ohne Luftschnappen: Tempo leicht erhöhen, warten, bis sich die Atmung einpendelt, wieder sprechen.

4. Wird es mitten im Satz eng: eine Stufe zurück. Das ist deine Zone 2.

5. Puls oder Tempo dieser Stufe notieren, als Kontrollzahl, nicht als Zielwert.

Für das Gefühl nutze ich statt einer Zahlenskala eine Ampel: Grün heißt ganze Sätze und ruhige Atmung, Gelb heißt kürzere Sätze, Rot heißt einzelne Wörter. Zone 2 ist grün. Die wahrgenommene Anstrengung (RPE) und der Puls ergänzen den Talk-Test, sie ersetzen ihn nicht.

Pulsuhr am Handgelenk oder Brustgurt?

Die Uhr am Handgelenk klingt sehr überzeugt. Gillinov und Kollegen (2017) haben bei 50 Erwachsenen verschiedene Pulsmesser mit einem EKG verglichen. Laut Pressemitteilung des American College of Cardiology erreichte der Brustgurt eine Übereinstimmung von rc = 0,996 (1 wäre deckungsgleich), die Handgelenksgeräte lagen bei 0,67 bis 0,92. Am genauesten maßen sie auf dem Laufband bei niedriger Intensität, am ungenauesten auf dem Crosstrainer bei hoher Intensität. Mit Armhebeln lieferte kein Handgelenksgerät genaue Werte.

Die Studie ist von 2017, heutige Uhren können anders abschneiden. Das Muster bleibt ein guter Wegweiser. Meine Regel: Beim lockeren Lauf darf die Uhr als Trend mitlaufen, solange Sprechen und Gefühl dazu passen. Einen Brustgurt empfehle ich, wenn du deine Zone zum ersten Mal festlegst, auf Rudergerät und SkiErg (dort arbeiten die Arme; beide Geräte waren in der Studie nicht dabei, die Empfehlung ist meine Schlussfolgerung) und bei Intervallen.

Warum der Puls bei gleichem Tempo steigt

Gleiche Runde, gleiches Tempo, und nach einer Dreiviertelstunde zeigt die Uhr deutlich mehr. Das nennt man kardiovaskulären Drift. Coyle und González-Alonso (2001) beschreiben ihn als fortschreitenden Abfall des Schlagvolumens, also der Blutmenge pro Herzschlag, nach etwa 10–20 Minuten Belastung bei steigender Herzfrequenz. Körpertemperatur und Dehydrierung spielen hinein.

Ein steigender Puls bedeutet also nicht automatisch, dass du zu schnell bist. In langen Einheiten entscheidet deshalb der Talk-Test: Bleibt es grün, läufst du weiter. Wird es gelb, nimmst du Tempo raus. Die Stellschrauben: kühlere Tageszeit, etwas zu trinken dabei, an heißen Tagen von Anfang an langsamer oder kürzer.

„Ich kann nicht langsam laufen“: Gehpausen für Einsteiger:innen

Wer aus dem Kraftraum kommt, landet oft schon beim langsamsten Joggen über der Schwelle. Meine Lösung aus der Coaching-Praxis sind Gehpausen: laufen, solange die Ampel grün ist, zügig gehen, sobald sie auf Gelb springt, wieder anlaufen, wenn die Atmung ruhig ist. Die Laufabschnitte werden über die Wochen länger, wenn der Talk-Test es zulässt.

Eine Studie zitiere ich dafür bewusst nicht. Aber die Logik ist klar: Die Schwelle fragt nicht, ob du läufst oder gehst, sondern wie hart es ist. Gehpausen sind kein Schummeln. Sie sind Steuerung.

Zone 2 auf Rad, Rudergerät und SkiErg

Den Laufpuls übertrage ich im Coaching nicht eins zu eins auf andere Geräte. In der Praxis passt er dort oft nicht zum gleichen Gefühl, und wie groß der Unterschied bei dir ist, verrät dir keine Tabelle. Deshalb: Talk-Test auf jedem Gerät einzeln machen und für jedes Gerät eine eigene Kontrollzahl notieren. Das Rad nutze ich gern an Tagen rund um schweres Beintraining, weil es keinen Aufprall gibt.

Die Wochendosis: viel locker, wenig hart

Die bekannte 80/20-Verteilung kommt aus dem Leistungssport. Seiler (2010) beschrieb, dass national und international konkurrenzfähige Ausdauerathlet:innen mit 10–13 Einheiten pro Woche etwa 80 Prozent ihrer Einheiten niedrig intensiv trainieren und etwa 20 Prozent mit hochintensiven Anteilen. Ob diese Verteilung für Hobbyathlet:innen mit drei bis sechs Einheiten, davon ein Teil Kraft, genauso gilt, ist offen. Als Orientierung taugt sie: die meisten Einheiten locker, wenige richtig hart. Der typische Fehler ist nicht zu wenig Härte, sondern lockere Einheiten, die heimlich mittelhart sind.

Für die Gesundheit nennt die WHO mindestens 150 Minuten moderate Aktivität pro Woche für Erwachsene, dazu Muskelkräftigung, die allen nützt. Zone 2 ist eine angenehme Art, auf diese Minuten zu kommen.

So lege ich den Startpunkt fest (Coaching-Vorlagen, keine Studienprotokolle):

Zone 2 und Krafttraining kombinieren

Die Sorge „Cardio kostet Muskeln“ hält sich hartnäckig. Eine Metaanalyse von Schumann und Kollegen (2022) mit 43 Studien fand keinen negativen Effekt von zusätzlichem Ausdauertraining auf Maximalkraft und Muskelaufbau. Abgeschwächt war die Explosivkraft, vor allem, wenn beides in derselben Einheit stattfand. Das galt unabhängig von Ausdauerart, Trainingshäufigkeit, Trainingsstatus und Alter.

Meine Regeln daraus:

  • Explosives getrennt: Sprünge, Würfe und schnelle Kraft nicht in dieselbe Einheit wie Ausdauer.
  • Harte Ausdauer mit Abstand: Intervalle nicht direkt vor schweres Beintraining legen.
  • Zone 2 passt fast überall: Lockere Einheiten lassen sich fast überall unterbringen, auch am Tag nach den Kniebeugen, dann gern auf dem Rad.

Mythos Fettverbrennungszone

Auf manchem Display im Studio gibt es sie noch: die „Fettverbrennungszone“. Der Kern stimmt sogar. Laut Achten und Jeukendrup (2004) steigt die Fettoxidation von niedriger zu moderater Intensität und fällt bei hoher Intensität. Ihr Maximum lag bei Trainierten bei 59–64 Prozent der VO₂max, in der Allgemeinbevölkerung bei 47–52 Prozent. Kohlenhydrate vor dem Training senken die Fettoxidation.

Nur die Schlussfolgerung stimmt nicht: Ein höherer Fettanteil am Energieverbrauch bedeutet nicht automatisch mehr Fettverlust. Ob Körperfett schwindet, entscheidet sich über Tage und Wochen, nicht am Brennstoffmix einer einzelnen Stunde. Wer abnehmen will und nur auf die Fettverbrennungszone schaut, beurteilt seinen Kontostand danach, aus welcher Hosentasche er heute bezahlt hat.

Evidenz-Update 2025: Wie besonders ist Zone 2?

Zone 2 wurde in den letzten Jahren gern als das Training für Mitochondrien gefeiert. Eine narrative Übersichtsarbeit von Storoschuk und Kollegen (2025) mit dem schönen Titel „Much Ado About Zone 2“ ordnet das ein: Die Evidenz stützt Zone 2 nicht als optimale Intensität für mitochondriale Kapazität und VO₂max in der Allgemeinbevölkerung. Höhere Intensitäten sind wichtig, besonders bei geringem Trainingsvolumen. Das passt zu einer früheren Übersicht von MacInnis und Gibala (2017), nach der intensiveres Training bei gleichem Aufwand vergleichbare oder größere mitochondriale Anpassungen erzielt.

„Nicht optimal“ heißt aber nicht „nutzlos“. Für Hybrid-Athlet:innen plane ich Zone 2 trotzdem großzügig ein, und das ist meine Begründung als Coach: Sie lässt sich in größerem Umfang trainieren, ohne dass das Krafttraining darunter leidet, sie hält dich frisch für die harten Einheiten, und sie ist für viele Einsteiger:innen der Rahmen, in dem Laufen überhaupt erst Spaß macht. Zone 2 ist das Fundament deiner Woche. Das ganze Haus ist sie nicht.

Fazit

Zone 2 ist keine Zahl aus einer Formel, sondern eine Intensität unterhalb deiner ersten Schwelle, und du erkennst sie daran, dass du noch in ganzen Sätzen sprechen kannst. Der Puls kontrolliert, er kommandiert nicht. Plane viel locker und wenig hart, trenne Explosives von der Ausdauer, und wenn deine Woche wenig Zeit hat, gönn ihr auch etwas Intensität.

Den Zone-2-Kompass mit Talk-Test-Protokoll, Drift-Check und Wochenvorlagen gibt es gratis über Instagram: Kommentier ZONE2 unter einem der Reels oder schick es als DM.

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Talk-Test und Pulsbereiche sind Orientierung, keine Diagnostik. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei Einnahme von Betablockern oder bei Beschwerden bitte vor dem Training ärztlich abklären.

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